Ende September passiert im Gemüsegarten normalerweise das Gegenteil einer Aussaat.
Tomaten werden abgeerntet. Die letzten Zucchini kommen aus dem Beet. Balkonkästen werden geleert und langsam verschwinden die Saatguttüten wieder in der Schublade.
Aber ausgerechnet jetzt beginnt die Saison einer Pflanze, die erstaunlich wenige Menschen kennen:
Winterpostelein.
Während die meisten Gemüsesamen Wärme zum Keimen brauchen, wartet Winterpostelein geradezu darauf, dass es draußen kühler wird. Erst bei Temperaturen unter etwa 12 Grad Celsius beginnt sein Saatgut zuverlässig zu keimen. Deshalb kann er je nach Witterung ab September oder Oktober ausgesät werden.
Und das Beste daran:
Du brauchst dafür nicht einmal einen Garten.
Was ist Winterpostelein?
Winterpostelein (Claytonia perfoliata) trägt erstaunlich viele Namen.
Er wird auch als:
- Postelein,
- Winterportulak,
- Tellerkraut
- oder Kubaspinat
bezeichnet.
Die Pflanze bildet zarte grüne Blätter, die später eine charakteristische tellerartige Form entwickeln.
Junge Blätter und Stängel lassen sich roh als Salat verwenden. Geschmacklich erinnert Winterpostelein etwas an Feldsalat. Ältere Blätter können ähnlich wie Spinat kurz gegart werden.
Vor allem besitzt er aber eine Eigenschaft, die ihn für unsere Gärten besonders interessant macht:
Er wächst zu einer Zeit, in der dort sonst kaum noch etwas wächst.
Warum Ende September der perfekte Zeitpunkt ist
Bei vielen Saatguttüten lautet die wichtigste Frage:
Ist es schon warm genug?
Beim Winterpostelein ist es genau umgekehrt.
Er ist ein Kühlkeimer.
Zur Keimung sollten die Temperaturen unter ungefähr 12 °C liegen. Ist der September noch ungewöhnlich warm, wartet man deshalb einfach noch etwas. Je nach Wetter kann die Aussaat im September oder Oktober beginnen und sogar bis in den Winter hinein erfolgen.
Das macht Winterpostelein zu einem schönen Beispiel dafür, warum wir beim Gärtnern nicht ausschließlich auf den Kalender schauen sollten.
Manchmal zeigt uns das Wetter den besseren Aussaattermin.
Gartenarbeit nach Thermometer statt Kalender
Vielleicht ist das nachfolgende ohnehin eine gute Gewohnheit.
Wir schreiben auf Saatguttüten Monate:
März bis Mai.
August bis September.
September bis Oktober.
Pflanzen kennen aber keinen Kalender.
Sie reagieren auf Temperatur, Feuchtigkeit und Licht.
Wenn es Ende September noch 20 Grad warm ist, bedeutet „Aussaat ab September“ deshalb nicht automatisch, dass heute der perfekte Tag dafür ist.
Beim Winterpostelein kannst du es dir besonders einfach merken:
Wird es dauerhaft kühl, beginnt seine Zeit.
Warum Winterpostelein perfekt für kleine Gärten ist
Postelein benötigt erstaunlich wenig Platz.
Du kannst ihn im normalen Gemüsebeet anbauen, aber ebenso im:
- Hochbeet,
- Frühbeet,
- unbeheizten Gewächshaus
- oder Balkonkasten.
Der NDR nennt den Balkonkasten ausdrücklich als geeignete Möglichkeit für die Winterkultur. ndr.de
Damit wird Winterpostelein für Urban Gardening besonders interessant.
Denn gerade im Herbst entsteht auf Balkonen plötzlich jede Menge freie Fläche.
Sommerblumen verschwinden.
Tomaten werden entfernt.
Salate sind längst geerntet.
Der Balkonkasten muss deshalb aber nicht bis April leer bleiben.
Er kann einfach eine zweite Saison bekommen.
So säst du Winterpostelein aus
Die Aussaat ist unkompliziert.
Lockere zunächst die Erde etwas auf und entferne stärkeren Unkrautbewuchs.
Winterpostelein benötigt keinen stark gedüngten Boden. Er gehört zu den genügsameren Kulturen.
Die Samen sind sehr fein. Deshalb kann es helfen, sie vor der Aussaat mit etwas trockenem Sand zu vermischen. So lassen sie sich gleichmäßiger verteilen.
Anschließend werden sie nur flach ausgesät und leicht mit Erde bedeckt.
Die Erde vorsichtig andrücken und angießen.
Danach gilt wie bei fast jeder Aussaat - wichtig! - : Während der Keimung nicht austrocknen lassen.
Der ideale Standort
Winterpostelein ist auch beim Standort unkompliziert.
Ein halbschattiger Platz ist gut geeignet. Die Erde sollte locker sein und Feuchtigkeit halten können, ohne dauerhaft nass zu werden.
Gerade im Balkonkasten ist der letzte Punkt wichtig.
Im Sommer reden wir ständig darüber, dass Pflanzgefäße nicht austrocknen dürfen.
Im Winter entsteht oft das gegenteilige Problem.
Regen fällt in den Kasten, die Pflanzen verbrauchen nur wenig Wasser und irgendwann steht die Erde dauerhaft nass.
Deshalb sollte überschüssiges Wasser immer ablaufen können.
Ein Abflussloch im Pflanzgefäß ist also auch bei einer Winterkultur wichtig.
Was passiert, wenn Frost kommt?
Das ist einfach: Winterpostelein ist winterhart!
Bei sehr tiefen Temperaturen wächst er allerdings kaum noch. Unter ungefähr 4 °C stellt die Pflanze ihr Wachstum weitgehend ein. Wird es anschließend wieder milder, wächst sie weiter.
Das erklärt auch, warum der Erntezeitpunkt stark vom Standort abhängt.
Im ungeschützten Beet kann eine späte Aussaat bedeuten, dass die eigentliche Ernte erst im Frühjahr erfolgt.
In einem geschützten Hochbeet, Frühbeet oder unbeheizten Gewächshaus sind die Bedingungen günstiger.
Und selbst ein Balkonkasten kann – abhängig von Standort und Witterung – funktionieren.
Bei strengem Frost hilft ein Gartenvlies als zusätzlicher Schutz.
Einmal säen, mehrfach ernten
Noch etwas macht den Postelein interessant.
Du musst die Pflanze bei der Ernte nicht komplett herausziehen.
Etwa sechs bis acht Wochen nach der Aussaat kann unter günstigen Bedingungen erstmals geerntet werden. Dabei werden die Blätter ungefähr zwei Zentimeter oberhalb des Bodens abgeschnitten.
Das Herz der Pflanze bleibt stehen.
Anschließend treibt sie erneut aus.
Dadurch sind innerhalb einer Saison mehrere Ernten möglich.
Das Prinzip kennst du vielleicht bereits von Schnittsalaten oder einigen Asia-Salaten.
Gerade auf kleinen Flächen ist das praktisch:
Man erntet nicht einmal einen Salatkopf und hat anschließend wieder einen leeren Topf.
Die Pflanze liefert weiter.
Winterpostelein oder Portulak – ist das nicht dasselbe?
Hier sorgt der Name regelmäßig für Verwirrung.
Winterpostelein wird häufig als Winterportulak bezeichnet.
Mit dem bekannten Sommerportulak (Portulaca oleracea) ist er botanisch aber nicht näher verwandt.
Und auch ihre Vorlieben könnten unterschiedlicher kaum sein:
Sommerportulak liebt Wärme.
Winterpostelein braucht Kühle.
Wenn du Saatgut kaufst, lohnt sich deshalb ein Blick auf den botanischen Namen.
Beim Winterpostelein lautet er:
Claytonia perfoliata.
Was kann man mit Winterpostelein in der Küche machen?
Am einfachsten: essen wie Feldsalat.
Die jungen Blätter und Stängel können frisch in Salate gegeben werden. Ihr Geschmack ist mild und dadurch gut mit anderen Blattsalaten kombinierbar.
Sie funktionieren beispielsweise mit:
- Apfel und Walnüssen,
- einem klassischen Senf-Dressing,
- Radieschen,
- Feta
- oder einfach als grüner Bestandteil eines gemischten Salats.
Größere Blätter lassen sich auch kurz dünsten und ähnlich wie Spinat verwenden.
Damit liefert ein kleiner Balkonkasten ausgerechnet mitten in der kalten Jahreszeit etwas, das dann besonders schön ist: frisches und leckeres Grün direkt vor der Tür.
Warum kennen wir Winterpostelein eigentlich kaum noch?
Das ist eine interessante Frage.
Im Supermarkt bestimmen wir Gemüse stark nach Verfügbarkeit.
Tomaten gibt es im Januar.
Salat gibt es im Februar.
Gurken gibt es im Dezember.
Dadurch verlieren wir leicht das Gefühl dafür, dass unterschiedliche Pflanzen eigentlich vollkommen unterschiedliche Jahreszeiten besitzen.
Winterpostelein dreht diese Logik ein wenig um.
Statt zu versuchen, eine Sommerpflanze irgendwie durch den Winter zu bringen, bauen wir eine Pflanze an, die genau mit diesen Bedingungen umgehen kann.
Das ist für uns ein schöner Grundgedanke für nachhaltiges Gärtnern.
Nicht die Bedingungen maximal verändern.
Sondern Pflanzen auswählen, die zu den Bedingungen passen.
Ein kleiner Wintergarten auf dem Balkon
Stell dir einen normalen Balkonkasten vor:
Im Frühjahr wachsen darin Radieschen.
Danach vielleicht Pflücksalat.
Im Sommer Kräuter oder andere Kulturen.
Und sobald es im Herbst kühler wird, folgt Winterpostelein.
Plötzlich wird derselbe kleine Kasten einen großen Teil des Jahres genutzt.
Natürlich ernährt sich davon niemand komplett.
Aber genau darum geht es beim Urban Gardening auch nicht zwingend.
Es geht darum, vorhandene Flächen neu zu denken. Und zu nutzen.
Ein Balkon ist nicht nur ein Platz für einen Tisch und zwei Stühle.
Ein Balkonkasten ist nicht nur Dekoration.
Auch wenige Liter Erde können zu einer kleinen Anbaufläche werden.
Winterpostelein passt in eine größere Idee
Im Herbst werden überall Gemüsebeete leer.
Man kann sie anschließend brach liegen lassen.
Oder man überlegt, welche Pflanzen jetzt noch sinnvoll sind.
Die Bayerische Gartenakademie weist darauf hin, dass Pflanzenbewuchs eine besonders gute Form der Bodenpflege darstellt. Im Oktober können beispielsweise noch Winterroggen, Wintererbse und Winterackerbohne als Grüneinsaat ausgebracht werden. Hierzu gibt es unter anderem auch unsere Bodenkuren, die genau jetzt gesät werden können.
Postelein geht noch einen Schritt weiter.
Er bedeckt nicht nur eine kleine Fläche.
Wir können ihn anschließend auch essen.
Gerade im kleinen Hausgarten gefällt uns diese Doppelnutzung besonders gut.
Unsere Meinung: Die Gartensaison ist eigentlich viel länger, als wir denken
Wir verbinden Garten häufig mit Frühling und Sommer.
März: erste Aussaat.
Mai: alles wächst.
Juli: Gartenhochzeit.
September: aufräumen.
November: Schluss.
Aber das ist vor allem eine Gewohnheit.
Feldsalat wächst im Winter.
Spinat kann weit in den Herbst hinein kultiviert werden.
Asia-Salate vertragen Kälte.
Winterpostelein wartet sogar darauf.
Vielleicht müssen wir also weniger darüber nachdenken, wann die Gartensaison endet.
Vielleicht sollten wir eher fragen: Welche Pflanze ist als Nächstes dran?
Fazit: Wenn es kühler wird, beginnt seine Saison
Ende September müssen Saatguttüten noch lange nicht in der Schublade verschwinden.
Für Winterpostelein beginnt jetzt überhaupt erst die interessante Zeit.
Sobald die Temperaturen dauerhaft unter etwa 12 °C sinken, kann ausgesät werden. Beet, Hochbeet, Gewächshaus oder Balkonkasten kommen dafür infrage. Rund sechs bis acht Wochen später ist unter guten Bedingungen die erste Ernte möglich – und weil die Pflanze wieder austreibt, kann mehrfach geschnitten werden.
Während die meisten Pflanzen im Garten langsam ihre Saison beenden, macht Winterpostelein also genau das Gegenteil.
Er wartet auf die Kälte, um loszulegen.
Achso, wenn du Winterpostelein säen möchtest, dann haben wir hier noch das passende Saatgut für dich! Probiere es doch einfach mal aus.